Psychologin und Unternehmerin Benita C. Zimmer beschäftigt sich intensiv mit den psychologischen Faktoren, die Menschen und Organisationen helfen, mit Krisen umzugehen, sich anzupassen und gestärkt hervorzugehen.
INTERVIEW: DESIREE VOGT
Frau Zimmer, wie wird Resilienz aus psychologischer Sicht definiert?
Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, trotz widriger Lebensumstände, Krisen oder chronischem Stress psychisch gesund zu bleiben oder sich nach Belastungen wieder zu stabilisieren. Sie ist keine angeborene Persönlichkeits-eigenschaft, sondern ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Psychologisch versteht man darunter einen adaptiven Prozess, in dem Menschen innere und äussere Ressourcen aktivieren, um Herausforderungen zu bewältigen. Der Begriff wurde unter anderem durch die Langzeitforschung von Emmy Werner geprägt, die zeigte, dass selbst unter sehr schwierigen Bedingungen stabile Entwicklungsverläufe möglich sind, wenn Schutzfaktoren wie Bindung, Sinn und Selbst wirksamkeit vorhanden sind.
Und was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Vulnerabilität?
Resilienz beschreibt die psychische Widerstandskraft eines Menschen, Vulnerabilität die Anfälligkeit für Stress und emotionale Belastungen. Beide Konzepte gehören zusammen und stehen in einem dynamischen Verhältnis: Niemand ist ausschliesslich resilient oder ausschliesslich
verletzlich – das Gleichgewicht kann sich je nach Lebensphase, Belastung und vorhandenen Ressourcen verschieben. Unternehmen können diesen Gedanken ebenfalls übertragen: Auch Mitarbeitende, Teams und ganze Organisationen reagieren – je nach Kultur, Struktur und Führung – resilienter oder vulnerabler auf Krisen.
Ist psychische Widerstandsfähigkeit im Erwachsenenalter den noch lernbar und veränderbar?
Ja – psychische Widerstandsfähigkeit ist auch im Erwachsenenalter erlernbar und veränderbar. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt und sich emotionale wie kognitive Muster durch Erfahrung und Training anpassen lassen. Durch Selbstreflexion, Achtsamkeit, konstruktive Stressbewältigung und lösungsorientiertes Denken können neuronale Netzwerke gestärkt werden, die für emotionale Stabilität und Selbstwirksamkeit wichtig sind. Im Arbeitskontext zeigt sich, dass Resilienz besonders dann wächst, wenn Führungskräfte Lern- und Entwicklungsspielräume ermöglichen und eine Kultur fördern, in der Fehler und Rückschläge als Teil des Wachstums verstanden werden.
Welche Einflüsse wirken sich negativ oder positiv auf die psychische Widerstandsfähigkeit aus?
Negative Einflüsse sind vor allem Dauerstress, fehlende Erholung, Überforderung, unklare Rollen, mangelnde Wertschätzung und eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Auch dysfunktionale Denkmuster oder das Gefühl, keine Kontrolle oder Entscheidungsspielräume zu haben, erhöhen die Anfälligkeit für Stress und Erschöpfung. Positiv wirken stabile Beziehungen, soziale Unterstützung, Sinn orientierung, Achtsamkeit, ausreichend Schlaf und Bewegung – sowie Arbeitsbedingungen, die Vertrauen, Transparenz und Verantwortung ermöglichen. Menschen und Teams, die sich als handlungsfähig erleben und konstruktives Feedback erhalten, regulieren Stress schneller und entwickeln langfristig mehr Stabilität und Kreativität.
Wenn Sie von sozialer Unterstützung sprechen – wie wichtig ist diese gerade als Schutzfaktor im Berufsleben?
Soziale Unterstützung gehört zu den stärksten Schutzfaktoren der Resilienz. Ein vertrauensvolles, wertschätzendes Miteinander in Teams wirkt wie ein emotionaler Puffer und senkt das Risiko für Erschöp-
fung deutlich. Kollegialität, Zusammenhalt und psychologische Sicherheit – also die Möglichkeit, Fehler oder Unsicherheiten offen ansprechen zu können – fördern Motivation, Lernbereitschaft und Kreativität, besonders in Krisenzeiten. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz weniger eine rein individuelle Fähigkeit ist, sondern wesentlich in Beziehungen entsteht.
Welche Massnahmen raten Sie Unter-nehmen für eine gesundheitsbewusste Kultur?
Eine gesundheitsbewusste Unternehmenskultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte – nicht durch einzelne Massnahmen. Dazu gehören realistische Zielsetzungen, klare Rollen, transparente Kommunikation und Pausen, die echte Erholung ermöglichen. Führungskräfte haben dabei eine Schlüsselrolle: Ihr Verhalten prägt die Teamkultur und entscheidet oft darüber, ob Belastungen offen angesprochen werden. Wichtig sind zudem flexible Arbeitsmodelle, die Enttabuisierung psychischer Gesundheit und Angebote wie Stresskompetenz- oder Achtsamkeitstrainings, die in die Arbeitsstrukturen eingebettet sind. Eine Kultur, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, schafft Motivation, Stabilität und langfristige Leistungsfähigkeit.
Gibt es da auch Denkansätze, die helfen, negative Erlebnisse positiv umzudeuten?Zentral ist die Fähigkeit, eine belastende Situation neu zu interpretieren und den Blick bewusst auf mögliche Lernchancen zu lenken. Das von der Psychologin Carol Dweck entwickelte «Growth Mindset» unterstützt diesen Perspektiv wechsel, weil es Fehler und Rückschläge als natürlichen Bestandteil von Entwicklung betrachtet. Hilfreich sind zu dem regelmässige Reflexion, konstruktives Feedback und eine Fehlerkultur, die nicht nach Schuldigen sucht, sondern Wachstum ermöglicht. Wer sich fragt «Was zeigt mir diese Erfahrung – und was kann ich daraus lernen?» statt «Warum ist das passiert?», entwickelt langfristig mehr psychische Stabilität und Zukunftsorientierung.
Wichtig scheint auch das Thema Akzeptanz. Wie kann man diese üben, um handlungsfähig zu bleiben?
Akzeptanz bedeutet, eine Situation realistisch anzuerkennen, ohne in Resignation oder inneren Widerstand zu verfallen. Entscheidend ist die


Eine gesundheits-bewusste Unternehmens-kultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte – nicht durch einzelne Massnahmen.

Unterscheidung zwischen dem, was man beeinflussen kann, und dem, was ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegt. Diese Klarheit verhindert Grübeln und ermöglicht es, Energie auf konkrete Handlungsschritte zu richten. Hilfreich sind kurze Achtsamkeits- oder Atempausen, die helfen, Abstand zu gewinnen und emotional zu regulieren. Im beruflichen Kontext unterstützt zudem eine offene Kommunikationskultur, in der Unsicherheiten angesprochen werden dürfen, bevor sie zu innerer Blockade führen.
Wie beeinflussen die Künstliche Intelligenz oder das Daueronline-Sein unsere Resilienz?
Digitale Technologien beeinflussen unsere Resilienz in zwei Richtungen. Zum einen führt die ständige Erreichbarkeit häufig zu Reizüberflutung, Konzentrationsverlust und chronischer Erschöpfung. Zum anderen kann künstliche Intelligenz, sinnvoll
eingesetzt, entlasten, in dem sie Routinetätigkeiten übernimmt und kognitive Ressourcen freisetzt.
Entscheidend ist der bewusste Umgang: klare digitale Grenzen, feste Offline Phasen und das Zulassen echter Erholungsmomente. Unternehmen sollten deshalb eine Form der digitalen Achtsamkeit fördern mit klaren Kommunikationszeiten, reduzierter Dauererreichbarkeit und einer Kultur, die Pausen respektiert.
Das können also Unternehmen tun. Was raten Sie Menschen, die ihre Resilienz ganz persönlich stärken wollen?
Resilienz entsteht im Alltag durch kleine, kontinuierliche Schritte. Hilfreich sind Routinen, die Stabilität geben und das Stresssystem entlasten etwa regelmässige Bewegung, bewusste Pausen, gute Schlafhygiene und soziale Verbundenheit. Ebenso wichtig ist es, den Blick auf eigene Fortschritte und Fähigkeiten zu richten, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu stärken. Achtsamkeits und Atempausen unterstützen dabei, innere Anspannung zu regulieren und Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz keine aussergewöhnliche Stärke ist, sondern eine Fähigkeit, die durch Übung, Wiederholung und einen achtsamen Umgang mit sich selbst wachsen kann.
Welche Rolle spielt dabei die körperliche Gesundheit?
Körperliche und psychische Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Bewegung, Schlaf, Ernährung und Regeneration beeinflussen direkt das Stresssystem und damit die Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen. Menschen mit hoher Resilienz regulieren Stresshormone schneller, erholen sich körperlich besser und gehen insgesamt stabiler mit gesundheitlichen Belastungen um. Umgekehrt führt körperliche Erschöpfung dazu, dass emotionale Stabilität leichter ins Wanken gerät. Gerade für Unternehmen bedeutet das: Massnahmen zur Förderung von körperlicher und mentaler Gesundheit sind keine zusätzlichen Benefits, sondern grundlegende Investitionen in Leistungsfähigkeit, Stabilität und langfristige Mitarbeitendenbindung.
plans oder das Priorisieren von Aufgaben anhand von Methoden wie der Eisenhower-Matrix, bei der Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit sortiert werden. Ohne klare Strukturen und ausreichende Ressourcen kann die Eigenverantwortung jedoch auch überfordern und zu Stress führen. Menschen mit ausgeprägter Selbstkompetenz, wie Selbstorganisation und hoher Anpassungsfähigkeit, kommen meiner Erfahrung nach besser mit den Anforderungen der digitalen Arbeitswelten zurecht. Ein Beispiel sind IT-Fachkräfte, die durch ständige Updates und wechselnde Anforderungen geübt darin sind, neue Herausforderungen rasch zu bewältigen.
Welche Rahmenbedingungen können und müssen Unternehmen bzw. Arbeitgeber für Menschen bieten, die Schwierigkeiten mit dem technologischen Wandel haben?
Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel ist es für Unternehmen unverzichtbar, gesunde Rahmenbedingungen zu schaffen, psychische Belastungen der
Mitarbeitenden zu erkennen und gezielt entgegen zu wirken. Ein zukunfts-orientiertes Unternehmen erkennt, dass Investitionen in die psychische
Gesundheit der Mitarbeitenden nicht nur deren Wohlbefinden steigern, sondern
auch die Produktivität und Loyalität erhöhen. Dazu gehören auch psychologische Gefährdungsbeurteilungen sowie klare Regeln zu Erreichbarkeit und Arbeitszeiten.
Welche Massnahmen können Menschen selbst treffen, um sich besser auf die Neuerungen und den Wandel einzustellen? Welche Werkzeuge stehen Mitarbeitenden selbst zur Verfügung?
Gezielte Routinen wie strukturiertes Zeitmanagement oder regelmässige Zeiten ohne digitale Geräte, sogenannte Digital-Detox-Phasen, können helfen. Des Weiteren können das Führen von Tagebüchern oder Achtsamkeitsübungen hilfreich sein, um die eigene Belastung besser zu verstehen und frühzeitig gegen zusteuern. Stressabbau durch Bewegung oder der Austausch
mit anderen Menschen sind ebenfalls wichtige Ansätze.
Ein Begriff, der auch oft genannt
wird in den vergangenen Jahren: Work-Life-Balance. Wie wichtig ist diese aus Ihrer Sicht für ein Unternehmen?
Tatsächlich ist ja auch auf Unterehmerseite wichtig, dass die Mit-arbeitenden eine gute Work-Life-Balance haben. Wenn jemand zufrieden ist, seine Grenzen kennt und seine Ressourcen aufbauen kann, erhöht dies die Arbeitsqualität und reduziert die Krankheitstage. Menschen haben tatsächlich auch mehr Kapazität und bringen gegebenenfalls mehr Kreativität oder bessere Lösungsansätze
in die Arbeit ein. Und in der heutigen Zeit des Fachkräftemangels ist es für Arbeitgeber wichtig, die Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden. Hier ist
Work-Life-Balance das Stichwort, wie Unternehmen Strukturen schaffen können, dass Mitarbeiten sich mit dem Unternehmen identifizieren, motiviert bleiben und zufrieden sind
Wie stellen Sie sich die ideale Balance zwischen Konnektivität und mentaler Gesundheit in 10 Jahren vor?
Wir müssen grundsätzlich flexibler und anpassungsfähiger werden. Und wir dürfen uns nicht vor neuen Technologien verschliessen. Die Dinge werden in Zukunft nicht mehr so funktionieren, wie wir es in den vergangenen 20 Jahre
gewohnt waren. Um die Mitarbeitenden abzuholen und Ängste abzubauen, müssen wir wieder lernen, besser miteinander zu kommunizieren. In diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Punkt die Art und Weise, wie Teammeetings gestaltet werden. Wenn diese hauptsächlich digital stattfinden, kann ein Gefühl der Distanz entstehen, da spontane Gespräche und informelle Interaktionen oft fehlen. Dies sind jedoch entscheidende Elemente für den Aufbau eines starken Teamgefühls. Massnahmen wie regelmässige persönliche Treffen und hybride Formate, die digitalen und analogen Austausch kombinieren, könnten eine Lösung sein. So bleibt
die persönliche Verbindung erhalten, und die Zusammenarbeit wird gestärkt. Abschliessend ist es wichtig zu betonen, dass die Verbindung zwischen Technologie, Konnektivität und psychischer Gesundheit
nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich und politisch angegangen werden muss. Politische Regelungen könnten beispielsweise Standards für Homeoffice, Erreichbarkeitszeiten und Arbeitszeiten sein, um Mitarbeitende besser zu schützen. Gleichzeitig sollten
gesellschaftliche Initiativen die Bedeutung der Work-Life-Balance betonen und die Bevölkerung für psychische Gesundheit sensibilisieren. Nur durch ein gemeinsames Handeln können wir in der digitalen Zukunft eine nachhaltige Balance schaffen, die sowohl produktiv als
auch gesundheitsfördernd ist.
Benita C. Zimmer ist Wirt-
schafts- und Gesundheitspsy-
chologin und hat ihr Studium
in Berlin absolviert. Nach ihrem
Studium widmete sie sich inten-
siv der Forschung zu psychologi-
schen Belastungs faktoren und
Beanspruchungen im Kontext
von New Work. Mit mehr als
neun Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung arbei-
tete sie in einem inter -
disziplinären Team von Wirt-schaftspsychologinnen. In
Liechtenstein gründete sie die
Zimmer Consulting, um
ihre umfassenden Kenntnisse
und Erfahrungen an Unterneh-
men weiterzugeben und sie in Transformationsprozessen zu
begleiten. Dabei kombiniert
Zimmer wissenschaftliche
Erkenntnisse mit praxisnahen
Ansätzen, um die psychische
Gesundheit und die Arbeitskul-
tur in Unternehmen nachhaltig
zu verbessern.
Psychologin und Unternehmerin Benita C. Zimmer beschäftigt sich intensiv mit den psychologischen Faktoren, die Menschen und Organisationen helfen, mit Krisen umzugehen, sich anzupassen und gestärkt hervorzugehen.
INTERVIEW: DESIREE VOGT
Frau Zimmer, wie wird Resilienz aus psychologischer Sicht definiert?
Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, trotz widriger Lebensumstände, Krisen oder chronischem Stress psychisch gesund zu bleiben oder sich nach Belastungen wieder zu stabilisieren. Sie ist keine angeborene Persönlichkeits-eigenschaft, sondern ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Psychologisch versteht man darunter einen adaptiven Prozess, in dem Menschen innere und äussere Ressourcen aktivieren, um Herausforderungen zu bewältigen. Der Begriff wurde unter anderem durch die Langzeitforschung von Emmy Werner geprägt, die zeigte, dass selbst unter sehr schwierigen Bedingungen stabile Entwicklungsverläufe möglich sind, wenn Schutzfaktoren wie Bindung, Sinn und Selbst wirksamkeit vorhanden sind.
Und was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Vulnerabilität?
Resilienz beschreibt die psychische Widerstandskraft eines Menschen, Vulnerabilität die Anfälligkeit für Stress und emotionale Belastungen. Beide Konzepte gehören zusammen und stehen in einem dynamischen Verhältnis: Niemand ist ausschliesslich resilient oder ausschliesslich
verletzlich – das Gleichgewicht kann sich je nach Lebensphase, Belastung und vorhandenen Ressourcen verschieben. Unternehmen können diesen Gedanken ebenfalls übertragen: Auch Mitarbeitende, Teams und ganze Organisationen reagieren – je nach Kultur, Struktur und Führung – resilienter oder vulnerabler auf Krisen.
Ist psychische Widerstandsfähigkeit im Erwachsenenalter den noch lernbar und veränderbar?
Ja – psychische Widerstandsfähigkeit ist auch im Erwachsenenalter erlernbar und veränderbar. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt und sich emotionale wie kognitive Muster durch Erfahrung und Training anpassen lassen. Durch Selbstreflexion, Achtsamkeit, konstruktive Stressbewältigung und lösungsorientiertes Denken können neuronale Netzwerke gestärkt werden, die für emotionale Stabilität und Selbstwirksamkeit wichtig sind. Im Arbeitskontext zeigt sich, dass Resilienz besonders dann wächst, wenn Führungskräfte Lern- und Entwicklungsspielräume ermöglichen und eine Kultur fördern, in der Fehler und Rückschläge als Teil des Wachstums verstanden werden.
Welche Einflüsse wirken sich negativ oder positiv auf die psychische Widerstandsfähigkeit aus?
Negative Einflüsse sind vor allem Dauerstress, fehlende Erholung, Überforderung, unklare Rollen, mangelnde Wertschätzung und eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Auch dysfunktionale Denkmuster oder das Gefühl, keine Kontrolle oder Entscheidungsspielräume zu haben, erhöhen die Anfälligkeit für Stress und Erschöpfung. Positiv wirken stabile Beziehungen, soziale Unterstützung, Sinn orientierung, Achtsamkeit, ausreichend Schlaf und Bewegung – sowie Arbeitsbedingungen, die Vertrauen, Transparenz und Verantwortung ermöglichen. Menschen und Teams, die sich als handlungsfähig erleben und konstruktives Feedback erhalten, regulieren Stress schneller und entwickeln langfristig mehr Stabilität und Kreativität.
Wenn Sie von sozialer Unterstützung sprechen – wie wichtig ist diese gerade als Schutzfaktor im Berufsleben?
Soziale Unterstützung gehört zu den stärksten Schutzfaktoren der Resilienz. Ein vertrauensvolles, wertschätzendes Miteinander in Teams wirkt wie ein emotionaler Puffer und senkt das Risiko für Erschöp-

fung deutlich. Kollegialität, Zusammenhalt und psychologische Sicherheit – also die Möglichkeit, Fehler oder Unsicherheiten offen ansprechen zu können – fördern Motivation, Lernbereitschaft und Kreativität, besonders in Krisenzeiten. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz weniger eine rein individuelle Fähigkeit ist, sondern wesentlich in Beziehungen entsteht.
Welche Massnahmen raten Sie Unter-nehmen für eine gesundheitsbewusste Kultur?
Eine gesundheitsbewusste Unternehmenskultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte – nicht durch einzelne Massnahmen. Dazu gehören realistische Zielsetzungen, klare Rollen, transparente Kommunikation und Pausen, die echte Erholung ermöglichen. Führungskräfte haben dabei eine Schlüsselrolle: Ihr Verhalten prägt die Teamkultur und entscheidet oft darüber, ob Belastungen offen angesprochen werden. Wichtig sind zudem flexible Arbeitsmodelle, die Enttabuisierung psychischer Gesundheit und Angebote wie Stresskompetenz- oder Achtsamkeitstrainings, die in die Arbeitsstrukturen eingebettet sind. Eine Kultur, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, schafft Motivation, Stabilität und langfristige Leistungsfähigkeit.
Gibt es da auch Denkansätze, die helfen, negative Erlebnisse positiv umzudeuten?Zentral ist die Fähigkeit, eine belastende Situation neu zu interpretieren und den Blick bewusst auf mögliche Lernchancen zu lenken. Das von der Psychologin Carol Dweck entwickelte «Growth Mindset» unterstützt diesen Perspektiv wechsel, weil es Fehler und Rückschläge als natürlichen Bestandteil von Entwicklung betrachtet. Hilfreich sind zu dem regelmässige Reflexion, konstruktives Feedback und eine Fehlerkultur, die nicht nach Schuldigen sucht, sondern Wachstum ermöglicht. Wer sich fragt «Was zeigt mir diese Erfahrung – und was kann ich daraus lernen?» statt «Warum ist das passiert?», entwickelt langfristig mehr psychische Stabilität und Zukunftsorientierung.
Wichtig scheint auch das Thema Akzeptanz. Wie kann man diese üben, um handlungsfähig zu bleiben?
Akzeptanz bedeutet, eine Situation realistisch anzuerkennen, ohne in Resignation oder inneren Widerstand zu verfallen. Entscheidend ist die


Eine gesundheitsbewusste Unternehmenskultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte –nicht durch einzelne Massnahmen.

Unterscheidung zwischen dem, was man beeinflussen kann, und dem, was ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegt. Diese Klarheit verhindert Grübeln und ermöglicht es, Energie auf konkrete Handlungsschritte zu richten. Hilfreich sind kurze Achtsamkeits- oder Atempausen, die helfen, Abstand zu gewinnen und emotional zu regulieren. Im beruflichen Kontext unterstützt zudem eine offene Kommunikationskultur, in der Unsicherheiten angesprochen werden dürfen, bevor sie zu innerer Blockade führen.
Wie beeinflussen die Künstliche Intelligenz oder das Daueronline-Sein unsere Resilienz?
Digitale Technologien beeinflussen unsere Resilienz in zwei Richtungen. Zum einen führt die ständige Erreichbarkeit häufig zu Reizüberflutung, Konzentrationsverlust und chronischer Erschöpfung. Zum anderen kann künstliche Intelligenz, sinnvoll
eingesetzt, entlasten, in dem sie Routinetätigkeiten übernimmt und kognitive Ressourcen freisetzt.
Entscheidend ist der bewusste Umgang: klare digitale Grenzen, feste Offline Phasen und das Zulassen echter Erholungsmomente. Unternehmen sollten deshalb eine Form der digitalen Achtsamkeit fördern mit klaren Kommunikationszeiten, reduzierter Dauererreichbarkeit und einer Kultur, die Pausen respektiert.
Das können also Unternehmen tun. Was raten Sie Menschen, die ihre Resilienz ganz persönlich stärken wollen?
Resilienz entsteht im Alltag durch kleine, kontinuierliche Schritte. Hilfreich sind Routinen, die Stabilität geben und das Stresssystem entlasten etwa regelmässige Bewegung, bewusste Pausen, gute Schlafhygiene und soziale Verbundenheit. Ebenso wichtig ist es, den Blick auf eigene Fortschritte und Fähigkeiten zu richten, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu stärken. Achtsamkeits und Atempausen unterstützen dabei, innere Anspannung zu regulieren und Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz keine aussergewöhnliche Stärke ist, sondern eine Fähigkeit, die durch Übung, Wiederholung und einen achtsamen Umgang mit sich selbst wachsen kann.
Welche Rolle spielt dabei die körperliche Gesundheit?
Körperliche und psychische Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Bewegung, Schlaf, Ernährung und Regeneration beeinflussen direkt das Stresssystem und damit die Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen. Menschen mit hoher Resilienz regulieren Stresshormone schneller, erholen sich körperlich besser und gehen insgesamt stabiler mit gesundheitlichen Belastungen um. Umgekehrt führt körperliche Erschöpfung dazu, dass emotionale Stabilität leichter ins Wanken gerät. Gerade für Unternehmen bedeutet das: Massnahmen zur Förderung von körperlicher und mentaler Gesundheit sind keine zusätzlichen Benefits, sondern grundlegende Investitionen in Leistungsfähigkeit, Stabilität und langfristige Mitarbeitendenbindung.
Psychologin und Unternehmerin Benita C. Zimmer beschäftigt sich intensiv mit den psychologischen Faktoren, die Menschen und Organisationen helfen, mit Krisen umzugehen, sich anzupassen und gestärkt hervorzugehen.
INTERVIEW: DESIREE VOGT
Frau Zimmer, wie wird Resilienz aus psychologischer Sicht definiert?
Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, trotz widriger Lebensumstände, Krisen oder chronischem Stress psychisch gesund zu bleiben oder sich nach Belastungen wieder zu stabilisieren. Sie ist keine angeborene Persönlichkeits-eigenschaft, sondern ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Psychologisch versteht man darunter einen adaptiven Prozess, in dem Menschen innere und äussere Ressourcen aktivieren, um Herausforderungen zu bewältigen. Der Begriff wurde unter anderem durch die Langzeitforschung von Emmy Werner geprägt, die zeigte, dass selbst unter sehr schwierigen Bedingungen stabile Entwicklungsverläufe möglich sind, wenn Schutzfaktoren wie Bindung, Sinn und Selbst wirksamkeit vorhanden sind.
Und was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Vulnerabilität?
Resilienz beschreibt die psychische Widerstandskraft eines Menschen, Vulnerabilität die Anfälligkeit für Stress und emotionale Belastungen. Beide Konzepte gehören zusammen und stehen in einem dynamischen Verhältnis: Niemand ist ausschliesslich resilient oder ausschliesslich
verletzlich – das Gleichgewicht kann sich je nach Lebensphase, Belastung und vorhandenen Ressourcen verschieben. Unternehmen können diesen Gedanken ebenfalls übertragen: Auch Mitarbeitende, Teams und ganze Organisationen reagieren – je nach Kultur, Struktur und Führung – resilienter oder vulnerabler auf Krisen.
Ist psychische Widerstandsfähigkeit im Erwachsenenalter den noch lernbar und veränderbar?
Ja – psychische Widerstandsfähigkeit ist auch im Erwachsenenalter erlernbar und veränderbar. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt und sich emotionale wie kognitive Muster durch Erfahrung und Training anpassen lassen. Durch Selbstreflexion, Achtsamkeit, konstruktive Stressbewältigung und lösungsorientiertes Denken können neuronale Netzwerke gestärkt werden, die für emotionale Stabilität und Selbstwirksamkeit wichtig sind. Im Arbeitskontext zeigt sich, dass Resilienz besonders dann wächst, wenn Führungskräfte Lern- und Entwicklungsspielräume ermöglichen und eine Kultur fördern, in der Fehler und Rückschläge als Teil des Wachstums verstanden werden.
Welche Einflüsse wirken sich negativ oder positiv auf die psychische Widerstandsfähigkeit aus?
Negative Einflüsse sind vor allem Dauerstress, fehlende Erholung, Überforderung, unklare Rollen, mangelnde Wertschätzung und eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Auch dysfunktionale Denkmuster oder das Gefühl, keine Kontrolle oder Entscheidungsspielräume zu haben, erhöhen die Anfälligkeit für Stress und Erschöpfung. Positiv wirken stabile Beziehungen, soziale Unterstützung, Sinn orientierung, Achtsamkeit, ausreichend Schlaf und Bewegung – sowie Arbeitsbedingungen, die Vertrauen, Transparenz und Verantwortung ermöglichen. Menschen und Teams, die sich als handlungsfähig erleben und konstruktives Feedback erhalten, regulieren Stress schneller und entwickeln langfristig mehr Stabilität und Kreativität.
Wenn Sie von sozialer Unterstützung sprechen – wie wichtig ist diese gerade als Schutzfaktor im Berufsleben?
Soziale Unterstützung gehört zu den stärksten Schutzfaktoren der Resilienz. Ein vertrauensvolles, wertschätzendes Miteinander in Teams wirkt wie ein emotionaler Puffer und senkt das Risiko für Erschöp-


Eine gesundheitsbewusste Unternehmenskultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte –nicht durch einzelne Massnahmen.

fung deutlich. Kollegialität, Zusammenhalt und psychologische Sicherheit – also die Möglichkeit, Fehler oder Unsicherheiten offen ansprechen zu können – fördern Motivation, Lernbereitschaft und Kreativität, besonders in Krisenzeiten. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz weniger eine rein individuelle Fähigkeit ist, sondern wesentlich in Beziehungen entsteht.
Welche Massnahmen raten Sie Unter-nehmen für eine gesundheitsbewusste Kultur?
Eine gesundheitsbewusste Unternehmenskultur entsteht durch Haltung und gelebte Werte – nicht durch einzelne Massnahmen. Dazu gehören realistische Zielsetzungen, klare Rollen, transparente Kommunikation und Pausen, die echte Erholung ermöglichen. Führungskräfte haben dabei eine Schlüsselrolle: Ihr Verhalten prägt die Teamkultur und entscheidet oft darüber, ob Belastungen offen angesprochen werden. Wichtig sind zudem flexible Arbeitsmodelle, die Enttabuisierung psychischer Gesundheit und Angebote wie Stresskompetenz- oder Achtsamkeitstrainings, die in die Arbeitsstrukturen eingebettet sind. Eine Kultur, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, schafft Motivation, Stabilität und langfristige Leistungsfähigkeit.
Gibt es da auch Denkansätze, die helfen, negative Erlebnisse positiv umzudeuten?
Zentral ist die Fähigkeit, eine belastende Situation neu zu interpretieren und den Blick bewusst auf mögliche Lernchancen zu lenken. Das von der Psychologin Carol Dweck entwickelte «Growth Mindset» unterstützt diesen Perspektiv wechsel, weil es Fehler und Rückschläge als natürlichen Bestandteil von Entwicklung betrachtet. Hilfreich sind zu dem regelmässige Reflexion, konstruktives Feedback und eine Fehlerkultur, die nicht nach Schuldigen sucht, sondern Wachstum ermöglicht. Wer sich fragt «Was zeigt mir diese Erfahrung – und was kann ich daraus lernen?» statt «Warum ist das passiert?», entwickelt langfristig mehr psychische Stabilität und Zukunftsorientierung.
Wichtig scheint auch das Thema Akzeptanz. Wie kann man diese üben, um handlungsfähig zu bleiben?Akzeptanz bedeutet, eine Situation realistisch anzuerkennen, ohne in Resignation oder inneren Widerstand zu verfallen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen dem, was man beeinflussen kann, und dem, was ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegt. Diese Klarheit verhindert Grübeln und ermöglicht es, Energie auf konkrete Handlungsschritte zu richten. Hilfreich sind kurze Achtsamkeits- oder Atempausen, die helfen, Abstand zu gewinnen und emotional zu regulieren. Im beruflichen Kontext unterstützt zudem eine offene Kommunikationskultur, in der Unsicherheiten angesprochen werden dürfen, bevor sie zu innerer Blockade führen.
Wie beeinflussen die Künstliche Intelligenz oder das Daueronline-Sein unsere Resilienz?
Digitale Technologien beeinflussen unsere Resilienz in zwei Richtungen. Zum einen führt die ständige Erreichbarkeit häufig zu Reizüberflutung, Konzentrationsverlust und chronischer Erschöpfung. Zum anderen kann künstliche Intelligenz, sinnvoll eingesetzt, entlasten, in dem sie Routinetätigkeiten übernimmt und kognitive Ressourcen freisetzt.
Entscheidend ist der bewusste Umgang: klare digitale Grenzen, feste Offline Phasen und das Zulassen echter Erholungsmomente. Unternehmen sollten deshalb eine Form der digitalen Achtsamkeit fördern mit klaren Kommunikationszeiten, reduzierter Dauererreichbarkeit und einer Kultur, die Pausen respektiert.
Das können also Unternehmen tun. Was raten Sie Menschen, die ihre Resilienz ganz persönlich stärken wollen?
Resilienz entsteht im Alltag durch kleine, kontinuierliche Schritte. Hilfreich sind Routinen, die Stabilität geben und das Stresssystem entlasten etwa regelmässige Bewegung, bewusste Pausen, gute Schlafhygiene und soziale Verbundenheit. Ebenso wichtig ist es, den Blick auf eigene Fortschritte und Fähigkeiten zu richten, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu stärken. Achtsamkeits und Atempausen unterstützen dabei, innere Anspannung zu regulieren und Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Resilienz keine aussergewöhnliche Stärke ist, sondern eine Fähigkeit, die durch Übung, Wiederholung und einen achtsamen Umgang mit sich selbst wachsen kann.
Welche Rolle spielt dabei die körperliche Gesundheit?
Körperliche und psychische Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Bewegung, Schlaf, Ernährung und Regeneration beeinflussen direkt das Stresssystem und damit die Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen. Menschen mit hoher Resilienz regulieren Stresshormone schneller, erholen sich körperlich besser und gehen insgesamt stabiler mit gesundheitlichen Belastungen um. Umgekehrt führt körperliche Erschöpfung dazu, dass emotionale Stabilität leichter ins Wanken gerät. Gerade für Unternehmen bedeutet das: Massnahmen zur Förderung von körperlicher und mentaler Gesundheit sind keine zusätzlichen Benefits, sondern grundlegende Investitionen in Leistungsfähigkeit, Stabilität und langfristige Mitarbeitendenbindung.
Benita C. Zimmer ist Wirtschafts- und Gesundheitspsychologin und hat ihr Studium in Berlin absolviert. Nach ihrem Studium widmete sie sich intensiv der Forschung zu psychologischen Belastungsfaktoren und Beanspruchungen im Kontext von New Work. Mit mehr als neun Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung arbeitete sie in einem interdisziplinären Team von Wirtschaftspsychologinnen. In Liechtenstein gründete sie die Zimmer Consulting, um ihre umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen an Unternehmen weiterzugeben und sie in Transformationsprozessen zu begleiten. Dabei kombiniert Zimmer wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Ansätzen, um die psychische Gesundheit und die Arbeitskultur in Unternehmen nachhaltig zu verbessern.