


Rügen: Wo Natur und Kultur sich vereinen
Deutschlands größte Insel ist berühmt für ihre beeindruckenden Kreidefelsen und Natur.
Die vergangenen Tage haben an der Ostsee für traurige Schlagzeilen gesorgt. Immer wieder mussten Rettungskräfte ausrücken, mehrfach wurden Badegäste aus dem Wasser gerettet oder noch am Strand reanimiert (wir berichteten). Nicht alle überlebten. Wie bei dem traurigen Vorfall auf Rügen (»HIER« mehr dazu). Auffällig dabei: Unter den Betroffenen sind häufig Männer.
Doch woran liegt das eigentlich? Gehen Männer größere Risiken ein? Überschätzen sie ihre eigenen Fähigkeiten häufiger? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Darüber hat MOIN.DE mit Benita C. Zimmer, Psychologin sowie Gesundheits- und Notfallpsychologin (BDP), gesprochen.
Warum sind Männer aus psychologischer Sicht häufiger von tödlichen Badeunfällen betroffen als Frauen?
Dafür gibt es wahrscheinlich nicht die eine Ursache. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass Männer im Durchschnitt häufiger Risiken eingehen und ihre eigenen Fähigkeiten eher optimistisch einschätzen als Frauen. Im Wasser kann genau diese Kombination gefährlich werden. Wer schon oft weit geschwommen ist, denkt schnell: Das hat früher funktioniert, also wird es heute auch klappen. Dabei werden Strömung, Wassertemperatur oder auch die eigene körperliche Verfassung leicht unterschätzt. Aus psychologischer Sicht geht es deshalb oft weniger um fehlende Schwimmfähigkeit als um eine Fehleinschätzung der eigenen Grenzen.
Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, ob Männer Warnhinweise oder Gefahren im Wasser häufiger unterschätzen?
Mir sind keine belastbaren Studien bekannt, die zeigen, dass Männer Warnhinweise grundsätzlich häufiger ignorieren als Frauen. Was wir aus der psychologischen Forschung aber wissen, ist, dass Menschen Warnungen unterschiedlich bewerten. Wer überzeugt ist, eine Situation gut einschätzen zu können, hält sich selbst oft für die Ausnahme. Dann entsteht schnell der Gedanke: „Das gilt für andere, aber nicht für mich.“ Gerade im Urlaub oder in vertrauter Umgebung werden Risiken deshalb häufig unterschätzt, obwohl sie durchaus wahrgenommen werden.
Spielt Alkohol nach Ihrer Einschätzung eine besondere Rolle bei riskantem Verhalten am und im Wasser?
Ja, Alkohol spielt aus psychologischer Sicht eine wichtige Rolle. Er beeinträchtigt nicht nur Koordination und Reaktionsfähigkeit, sondern verändert auch die Art, wie wir Entscheidungen treffen. Unter Alkoholeinfluss fühlen sich viele Menschen sicherer, als sie tatsächlich sind, und gehen eher Risiken ein. Gerade im Wasser ist das besonders gefährlich, weil dort oft mehrere Faktoren zusammenkommen. Kälte, Strömung oder nachlassende Kräfte werden dann häufig zu spät wahrgenommen. Deshalb sollte Alkohol beim Schwimmen genauso tabu sein wie im Straßenverkehr.
Welche Altersgruppen gelten aus psychologischer Sicht als besonders risikofreudig?
Die höchste allgemeine Risikobereitschaft beobachten wir bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In dieser Lebensphase spielen das Ausprobieren eigener Grenzen, Gruppendynamik und der Wunsch nach Anerkennung oft eine größere Rolle. Das kann dazu führen, dass Risiken anders bewertet werden. Gleichzeitig sollten wir ältere Erwachsene nicht aus dem Blick verlieren. Hier geht es häufig weniger um Risikofreude als um die Fehleinschätzung der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit. Viele orientieren sich daran, was sie früher problemlos geschafft haben, ohne zu berücksichtigen, dass sich Fitness und Belastbarkeit mit den Jahren verändern können.
Was können Menschen konkret tun, um sich selbst vor einer Fehleinschätzung der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit zu schützen?
Ich würde empfehlen, sich vor dem Schwimmen einen kurzen Moment Zeit für einen ehrlichen Selbstcheck zu nehmen. Viele fragen sich: Kann ich schwimmen? Die wichtigere Frage lautet aber: Bin ich heute unter diesen Bedingungen fit genug? Habe ich Alkohol getrunken? Bin ich erschöpft? Ist das Wasser kalt oder gibt es Strömungen? Schon diese kurze Selbstreflexion kann helfen, impulsive Entscheidungen zu vermeiden. Die eigene Leistungsfähigkeit verändert sich von Tag zu Tag. Sich das bewusst zu machen, ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Verantwortung.
Welche Botschaft möchten Sie Badegästen für den Sommer mit auf den Weg geben?
Die meisten Menschen gehen nicht mit dem Gedanken ins Wasser, dass ihnen etwas passieren könnte. Genau deshalb ist es so wichtig, die eigenen Grenzen immer wieder neu einzuschätzen. Wasser ist nie exakt gleich und auch wir selbst sind nicht jeden Tag gleich leistungsfähig. Wer Warnhinweise ernst nimmt, nüchtern bleibt und im Zweifel lieber einmal früher umkehrt, trifft keine ängstliche, sondern eine verantwortungsvolle Entscheidung. Sicherheit ist keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung dafür, den Tag am Wasser unbeschwert genießen zu können.
Quelle: Moin.de