
Die gedankliche Organisations- und Verantwortungsarbeit im alltäglichen Leben bleibt oft an den Frauen hängen. Diese versteckte Gedankenarbeit ist strukturell bedingt und wird kaum wertgeschätzt. Also wird es Zeit, dem Mental Load mehr Beachtung zu schenken.

Oft bleibt die Denkarbeit den Frauen überlassen. Dies soll nicht als ein Affront gegen die Männer verstanden werden, denn Vorbilder in fest gefahrenen Familienstrukturen und der Gesellschaft mit ihren Rollenerwartungen tragen Wesentliches dazu bei. Mit Mental Load wirddie To-do-Liste im Kopf bezeichnet, was alles organisiert werden muss und zu tun ist. Es sind die unsichtbaren Aufgaben, die zur mentalen Belastung werden können, wie beispielsweise an wichtige Termine zu denken, was man zu einer Verabredung mit bringen soll, was man alles für den Tag einpacken muss oder Geburtstags Geschenke besorgen. Einige sagen auch, es seidie versteckte Ungleichheit, die der Gleichberechtigung im Weg stehe. Der Mental Load lastet meist auf den Frauen und kann zu einer er-heblichen Belastung führen, da ständig eine Liste mit Dingen im Kopf rotiert: Mit denken, Planen und Organisieren. Er ist vergleichbar mit dem unsichtbaren Teil eines Eisberges unter der Wasseroberfläche. «Fürsorge und All-tagsorganisation sind kulturell weiterhin stärker weiblich geprägt. Viele dieser Rollenent stehen nicht bewusst, sondern entwickelnsich schrittweise», erläutert Benita C. Zimmer, Psychologin in Liechtenstein, und verweist auf Studien, die zeigen, dass diese Form der Zu-ständigkeit in vielen Familien überwiegend bei Frauen liegt, selbst wenn beide Partner berufstätig sind. Es handle sich dabei nicht um einzelne Aufgaben, sondern um das ständige Mitdenken im Hintergrund. Darum ist es wichtig, den Mental Load sichtbar zu machen.
Nicht als Leistung anerkannt
Benita C. Zimmer ist in ihren psychologischen Beratungen immer wieder mit dem Thema konfrontiert. «In vielen Partnerschaften wird zwar über Aufgaben gesprochen, aber selten darüber, wer die Gesamtverantwortung trägt. Entscheidend ist nicht, wer hilft, sondern wer langfristig zuständig ist» sagt sie. Die Lösung dürfe nicht allein bei den Frauen liegen. Die Gleichberechtigung zeige sich auch darin, in dem die Verantwortung verteilt wird. Deshalb ruft die Psychologin die Männer dazu auf, sichin einer Partnerschaft aktiv zu fragen, in welchen Bereichen sie die Organisation bedenkenlos der Frau überlassen und wo sie selbst Initiative übernehmen können.
Die Sichtbarkeit von Mental Load erschwert zusätzlich, dass sie selten als Leistung wahrgenommen wird. «Psychologisch bedeutet sie

Vor allem wenn Kinder im Spiel sind, bleibt die unsichtbare Denkarbeit über die Organisation meist den Frauen überlassen. ISTOCK
Benita C. Zimmer begleitet in ihren psychologi-
schen Beratungen Menschen in belasten den Lebens und Arbeitssituationen.
jedoch eine dauerhafte innere Anspannung, die Erholung erschwert und langfristig die Stress-belastung erhöht. In meiner psychologischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass diese Formder Überverantwortung oft erst dann thematisiert wird, wenn die Erschöpfung bereits deutlich spürbar ist.»Dies könne auch das Risiko für eine emotio-nale Erschöpfung erhöhen, sobald die mentale
Überverantwortung chronisch wird und die Oberhand gewinnt. Diese versteckte Ungleich-heit entsteht dadurch, dass traditionelle Rollen-bilder subtil weiter bestehen bleiben. Sobald Kinder da sind, schleichen sich in der Familiemeist die klassischen Zuständigkeiten ein. «Hinzu kommen strukturelle Faktoren wie Arbeitszeitmodelle oder Einkommensunterschiede. Was zunächst pragmatisch erscheint, verfestigt sich mit der Zeit», weiss Benita C.Zimmer. Damit sich daran etwas ändert, musserst im Bewusstsein ein Umdenken stattfinden. Die Psychologin betont, dass die mentale Verantwortung als gleichwertige Belastung aner-kannt werden müsse. Nur ein «Mithelfen» reiche nicht aus. «Es geht um eigenständiges Mitdenken und klare Zuständigkeiten. Offene Gespräche über Erwartungen, Belastung undFairness sind entscheidend.» Da die Überlastung schleichend entsteht, istes entscheidend, die Zuständigkeiten früh zuklären und regelmässig zu reflektieren. Um die psychische Gesundheit zu schützen, muss manseine eigenen Grenzen wahrnehmen und auch ernst nehmen. Nur so kann diese Ungleichheitaktiv angegangen und behoben werden, um die Frauen zu entlasten und daraus entstehende Konflikte in der Partnerschaft zu vermeiden.
Quelle: Liewo Sonntagszeitung 8 Märzt 2026